Corona und Kantate

Kantate Singet dem Herrn ein neues Lied
Bildrechte: Gemeindebrief

Corona und Kantate. Wir erinnern uns:
Frühlingsmonat Mai. Sonntag Kantate. Oft Muttertag, wie auch in diesem Jahr. Ein Tag zum Fröhlichsein, zum Singen und zum Feiern. Und doch ist 2020 alles anders, denn das Covid-19-Virus wirft immer noch seinen Schatten.
Seit Wochen sind alle Veranstaltungen des öffentlichen Lebens abgesagt – auch unser Gemeindeleben in St. Paul liegt brach. Aber nun gibt es erste Lockerungen. Kirchenbesuch ist wieder erlaubt – unter strengen Vorschriften: Desinfektion, räumlicher Abstand, Mund- und Nasenschutz usw.
Sonntag Kantate in St. Paul. Die ‚schöne Pforte‘ steht einladend offen. Auf den Bänken brennen vereinzelt Kerzen. Dort darf man Platz nehmen, nachdem man sich am Eingang die Hände desinfiziert und einen Handzettel zur heutigen Feier an sich genommen hat. Nur wenige Gläubige trauen sich in das Gotteshaus – das öffentliche Verbot ist noch zu präsent. Mit viel Liebe und Geschmack hat Mesnerin Priska Nied duftige Blumengestecke gezaubert und sie im Altarraum und um die schöne neue Osterkerze arrangiert. Pfarrer Stephan Schmidt, mit Maske, wartet auf seine Gemeinde. Er trägt keinen Talar – er hält noch keinen Gottesdienst. Er hat eine Andacht vorbereitet.
Orgeltöne rauschen durch den Raum, am Spieltisch Christina Schmidt. Es ist, als wolle das mächtige Instrument die Gläubigen aus einer Lähmung wecken. Köpfe heben sich, Augen verengen sich über den Masken – wahrscheinlich entsteht darunter ein Lächeln -, hin und wieder ein tiefer Atemzug, fast ein Seufzen… wie hat man diese Musik doch vermisst!
Pfr. Schmidt spricht zum Evangeliumstext (Lukas 19, 37-40) und verweilt beim letzten Satz „Ich sage euch: Wenn diese (die Jünger) schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Er verbindet damit einen bewegenden Rückblick auf die hinter uns liegende Coronasperre. Diese ließ auch die Gemeinde in St. Paul verstummen, ließ den Pfarrer oft im leeren Gotteshaus verweilen und seinen Gedanken nachspüren. Wenn Kirchenbänke und Bausteine erzählen könnten, dachte er. Was könnten sie alles berichten von den vielen Menschen, die mehr als hundert Jahre lang hier gebetet, gefeiert und gelitten haben! Wie viele Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen – wie viel Freude aber auch Leid haben sie gesehen! Ja – wenn die Gemeinde auf immer schweigen müsste, auch diese Steine hier in St. Paul würden schreien!
Wie gut, dass das Schweigen nun gebrochen wird. Dass es demnächst wieder Gottesdienste gibt. Dass wir unseren Gott laut und zusammen loben können. Dass wir gemeinsam singen dürfen.
Zaghaft und gedämpft durch die Masken  vereinigen die wenigen Stimmen sich zu zwei Strophen des schönen Paul Gerhardt - Chorals „Du meine Seele singe“.
„Gott hört es – und es wird ihm gefallen!“ – diese Freude und Zuversicht gibt Pfr. Schmidt mit dem Segen den Kirchenbesuchern mit auf den Weg in die neue Woche. (Karin Veit)