Kreuz oder Senfglas

Da standen wir nun, Senfglas bzw. Kreuz und Urkunde in den Händen. Die Kirche war voll gewesen. Waren die Leute wegen dem 1. Advent gekommen? Oder um an der Verabschiedung des alten und der Einführung des neuen Kirchenvorstands teilzunehmen? Jetzt, beim Sekt-Empfang, traf man leider auf nur wenige der altvertrauten Kirchenbesucher. Die KV'ler allerdings, alt und neu, gaben sich die Ehre. Und ihre Familienmitglieder ebenfalls. So lernte man sich ein bisschen besser kennen und tauschte sich aus über Gott und die Welt, die Anforderungen des Amtes und den soeben erlebten „Stabwechsel-Gottesdienst“. Man war sich einig: Ein bisschen aufregend war es gewesen. Und lang, was besonders die Eltern kleinerer Kinder feststellten. Und für einige ungewohnt, so lange vorne im Altarraum und praktisch im Mittelpunkt.

Man sprach von den Messingkreuzen mit dem Lebensbaum,  die  die ‚in den Ruhestand Gehenden‘ bekommen hatten und dass man gedacht hatte „Was ist denn da bloß drin?“ als die neu gewählten Kirchenvorständler jeder ein verschlossenes Gläschen in die Hand gedrückt bekamen. „Honig, um den Anfang zu versüßen? Wie bei den Kindern und den Tüten zum Schulanfang?“. Das Rätsel hatte sich schnell gelöst, als Pfr. Schmidt sich der Gemeinde zuwandte und mit geradezu spitzbübischem Lächeln erklärte: „Das ist Senf! Und auf den Gläschen  steht: Danke, dass Sie Ihren Senf dazugeben!“ Heiterkeit kam auf – genauso, wie schon bei der Predigt. Diese hatte sich  mit den Vorbereitungen zu Jesu Einzug in Jerusalem befasst (Mat. 21):

Jesus schickte zwei Jünger fort mit dem Auftrag: »Geht in das Dorf da drüben! Gleich am Ortseingang findet ihr eine Eselin und ihr Junges angebunden. Bindet beide los und bringt sie zu mir!  Und wenn jemand etwas sagt, dann antwortet: ›Der Herr braucht sie.‹

 „Ja, der Herr braucht sie (oder ‚Sie‘?) – die Esel!“ entwickelte Pfr. Schmidt den Gedanken weiter und sah in die Reihen seines Kirchenvorstands. Hier waren einige bereits unruhig geworden, hatten zu murmeln und zu kichern begonnen. Auch von weiter hinten erklang Geraune. „… ja – es ist schon so: Gott braucht immer wieder jemanden, der ihm hilft, Lasten zu tragen! Danke, dass Sie sich dazu bereit erklärt haben!“

Im Gemeindesaal schaue ich um mich und freue mich. „Esel Gottes“, schmunzele ich vor mich hin. Ich fühle mich wohl in dieser Herde. Man sieht es: meine eigene Herde ist etwas in die Jahre gekommen. Es war an der Zeit, dass Jüngere übernehmen. Aber auch alte Esel können immer noch ihren Beitrag leisten, wenn ihre Kräfte es erlauben. Wir werden sehen. Und wir wünschen unseren Nachfolgern, dass sie immer mit Freude bei der Sache sind, dass sie durchhalten und dass die Lasten, die sie tragen müssen, nicht zu schwer werden.

(kvt)