St. Peters-Chorale in St. Paul – Musik aus Australien

Jugendchor Brisbane
Bildrechte: F.Veit

Erwartungsfreude prägte die Gesichter aller Besucher, die am 10. Januar 2020 nach St. Paul kamen, um St Peters Chorale zu hören – den renommierten Jugendchor aus Brisbane, Australien, der bereits zum dritten Mal nach 2011 und 2017 bei uns gastierte.
Die persönliche Beziehung zwischen Pfr. Stephan Schmidt und der Chorleitung hatte es auch diesmal möglich gemacht, dass auf der Europatournee der Australier zwischen Auftrittsorten wie der St. Paul’s Cathedral in London, der Kathedrale in Coventry und der Leipziger Thomaskirche auch „Würzburg-Heidingsfeld, Ev.-Luth. Kirche St Paul“ zu lesen ist – immerhin ein Ort, der seit seiner Erbauung unzerstört erhalten blieb!
Von den meisten Besuchern unvermutet, überraschten die Jugendlichen des 66 Mitglieder starken Chors gleich zu Beginn ihrer Aufführung. Während die Männerstimmen sich auf der Empore sammelten, streiften die Mädchen in ihren schmucken Uniformen (schwarze, lange Röcke und weinrote Blazer) scheinbar ziellos in der  Kirche zwischen den vollbesetzten Bänken umher. Nach Verklingen des 17-Uhr-Läutens wurde es mucksmäuschenstill. Die Sängerinnen standen im ganzen Kirchenraum verteilt. Auf einmal ertönte ein Laut, der an einen nicht unterdrückten Schluckauf erinnerte. Ein zweiter folgte. Einige Zuschauer machten große Augen oder begannen gar zu kichern. Dann aber wiederholten sich diese seltsamen Geräusche in immer schnellerer Reihenfolge, es kam ein stärker werdendes Summen hinzu, ein Schnalzen und Gurgeln – kurz, es entstand eine Lautmalerei, die fantasiebegabte Besucher an Vogelrufe, Kläffen junger Wildhunde, Plätschern von Wasser und das Streichen des Windes über weite Flächen denken ließ. Vor diesem ungewöhnlichen Klanghintergrund trugen die Männerstimmen von der Höhe aus eine ruhige, getragene Weise vor, die sich harmonisch mit der Lautmalerei der Mädchenstimmen verband. Später erfuhr man in der Begrüßungsansprache der Chorleiterin Kathryn Morton, dass es sich bei diesem ersten Stück um eine typisch australische Komposition gehandelt habe, in der die exotische Natur des fünften Kontinents sowie die Geister des fallenden und ruhenden Wassers dargestellt werden.
Kathryn Morton, eine begnadete Chorleiterin, die ihre Sängerinnen und Sänger energisch und klar durch die unterschiedlichen Darbietungen führt, erklärte das in mehreren Abschnitten präsentierte Repertoire. Hatte man 2017 in zwei Blöcken zunächst angelsächsische und dann australische Kompositionen gehört, so wechselten diesmal Werke amerikanischer, britischer und deutscher Komponisten in bunter Reihenfolge mit denjenigen australischer Musiker. Eine Unterteilung des Konzerts ergab sich dennoch: zu der hervorragenden Orgelbegleitung von Philipp Gearing erklangen zunächst geistliche Lieder, anschließend ein weltliches Programm, dessen mit Keyboard unterstützte Stücke sich generell mit Situationen des Lebens beschäftigten (Wiegenlied, Hoffnung, Demenz, Optimismus) und auch immer wieder charakteristisch australische Lautmalerei enthielten.
Nach dem Eingangslied wechselten alle  Mitglieder von St Peters Chorale in den Altarraum der Kirche, der diese Menge kaum fassen konnte. Die kräftigen, frischen Stimmen begeisterten die Zuhörer durch ihre hervorragende Wandlungsfähigkeit. Fortissimo, aber auch das ganze Gegenteil, beherrschten sie ebenso überzeugend wie Stakkato oder fließend weiche Übergänge - ganz zu schweigen von den so eigenartigen Geräuschnachahmungen der exotischen Natur ihrer Heimat.
Für ihren Auftritt in Deutschland, v.a. in der Leipziger Thomaskirche, hatten die Jugendlichen Johann Sebastian Bachs „O Jesulein süß“, das in Australien mit englischen Text bekannt ist,  in deutscher Sprache eingeübt. In St. Paul gaben sie ihre „Erstaufführung“ zum Besten und bestanden diesen Test mit Bravour. Mit großer Hingabe und Zartheit interpretierten sie dieses weihnachtliche Wiegenlied und sangen sich damit in die Herzen ihres Publikums. Sichtliches und hörbares Vergnügen jedoch bereitete den jungen Sängerinnen und Sängern die Wiedergabe ihres ureigenen „If Christ Had Been Born In Another Time“. Hierbei handelt es sich um ein australisches Weihnachtslied, das die Frage aufwirft, was geschehen wäre, wenn die Geburt Christi unter südlichem Himmel und dem Ruf der dort heimischen Kookaburras („Lachender Hans“) im Hinterland Australiens stattgefunden hätte. Wären etwa die drei Weisen Aborigines gewesen?
Minutenlange Standing Ovations belohnten den Chor für eine eindrucksvolle Aufführung, die  schließlich mit der Zugabe eines Gutenachtlieds ihren Abschluss fand. Pfr. Schmidt bedankte sich noch einmal von ganzem Herzen bei allen Beteiligten und vergaß auch nicht, ein Extra Lob- und Dankeswort an Heiner Ratsch zu richten, der im Vorfeld die ‚Herbergssuche‘ und gesamte Organisation gestemmt hatte.
Am Abend dieses außergewöhnlichen Konzerts brachten die Medien eine Nachricht, die sicherlich auch die Gäste aus Australien erschreckt hat: auf ihrem fernen Heimatkontinent haben sich neue Feuerwalzen gebildet und 240 000 Menschen mussten zur Evakuierung aufgefordert werden. Australien erlebt den heißesten und trockensten Sommer seit über 100 Jahren. Buschfeuer vernichteten bereits über 10 Millionen Hektar Land, töteten mehr als 1 Milliarde Tiere, zerstörten Tausende von Häusern und kosteten 26 Menschen das Leben. Hoffen wir, dass „unsere Australier“ behütet werden und nach einem erfolgreichen Abschluss ihrer Europatournee ihre Familien wohlbehalten vorfinden!
(Text: K. Veit; Fotos G. Heiß / F. Veit)